„Jeder Tag ist kostbar. Jeder Moment ist besonders“

Im Rahmen ihrer Abschlussarbeit zur Fachweiterbildung Palliative Care mit dem übergeordneten Thema „Dem Menschsein ein Gesicht geben“ führte Ursula Köppe, Pflegefachkraft im Johannes-Hospiz, ein Interview mit einer Bewohnerin unseres Hospizes. Im Anschluss daran gab sie Leo Bisping, dem Leiter des Bereichs Öffentlichkeitsarbeit, die Gelegenheit für einige wichtige Fragen. Zwei dieser Fragen und ihre Beantwortung durch Ursula Köppe möchte ich an dieser Stelle gerne wiedergeben.

 

Was ist aus Deiner Sicht wichtig, wenn man mit schwerkranken Menschen umgeht, sie pflegt und versucht Ihnen Geborgenheit und Nähe zu schenken?

„Ganz schlicht: ein offenes Ohr, ein offenes Herz und einen gesunden Menschenverstand. Neben aller interdisziplinären Expertise braucht es einen Raum, in dem die Menschen zur Ruhe finden können. Es braucht Zeit, um die vielen kleinen und großen Dinge erfassen und spüren zu können, die für uns Menschen persönlich wichtig und bedeutsam sind. Eine vertrauensvolle Beziehung, geprägt von der Nähe und Ruhe, die der Hospizgast benötigt, die letzte Zeit für sich selbst und mit den engsten Angehörigen zu gestalten, ist Ziel und Auftrag für uns. (…)
Wir alle wissen zwar, dass in unserem Leben viel Dynamik steckt. Aber gerade in der letzten Lebenszeit wird uns immer wieder bewusst, wie anders ein Tag zu dem vorrausgehenden sein kann. Befindlichkeiten ändern sich, es entstehen neue Wünsche und Bedürfnisse, auch neue Herausforderungen für den Betreffenden, die nicht absehbar waren. Darauf muss ich mich als Pflegende einstellen, darauf muss ich reagieren und dieses mitgestalten können. Viel Kreativität, Einfühlungsvermögen und Spontanität sind da gefragt.“

 

Gibt es besonders schöne Momente mit den Bewohnerinnen oder Bewohnern im Hospiz, an die Du Dich gerne erinnerst ... Momente, die Dich besonders berührt haben?

„Ich denke da an eine Bewohnerin, die im Beisein ihres Sohnes in meinen Armen gestorben ist. Sie ist so friedlich eingeschlafen, sie hörte einfach auf zu atmen. Es war so eine Ruhe um uns. Da ist der junge Mann, der so gerne nächtelang ferngesehen hat, weil er sich dabei entspannen konnte. Er lag unbeweglich im Bett. Nach jedem Lagewechsel verschoben wir das Bett vor dem Fernseher immer jeweils so, dass er bequem auf den Bildschirm schauen konnte. Er zwinkerte mir zu, wenn alles okay war, denn sprechen konnte er nicht mehr. Da ist der ruhige, gefasste Mann mit seinem Blatt Papier, auf dem er sich mitteilte und mir schrieb, dass er auf keinen Fall beruhigende Medikamente möchte, dass er alles wach miterleben möchte, bis zum Schluss. Er hatte Unterkieferkrebs und einen Luftröhrenschnitt, über den er atmete. Er war über alle möglichen medikamentösen Maßnahmen, die wir lindernd ergreifen könnten, informiert, aber lehnte alles davon ab.

Berührend ist für mich, dass ich die Menschen nicht kennen muss, um intensive Gefühle mit ihnen zu teilen. Es geschieht aus dem Moment. Er kommt und geht. Und ist genauso wenig vorhersehbar wie das Leben selbst. Es gibt so viele von diesen Momenten, dass ich ehrlich sage: ,Ich mache eine erfüllende Arbeit.‘“

 

Sie finden Gespräch und Interview in der vollständigen Fassung in unserem Magazin Kairos, das viermal im Jahr in deutscher Sprache erscheint hier.