Dr. phil. Andreas Stähli, M.A.

Akademie am Johannes-Hospiz Münster
Rudolfstraße 31
48145 Münster

Ars moriendi, die Kunst des Sterbens, lässt sich als Traditionslinie bis in die Antike zurückverfolgen; in ihrer abendländischen Ausprägung bis hin zu Platon, an die Wiege der europäischen Philosophie. Als Übungspraxis stellt sie einen reichen Fundus an geistigen Techniken dar, die allesamt auf die Erlangung einer Haltung ausgerichtet sind, dem Tod als unausweichlichem Faktum menschlicher Existenz, der erst im Schatten dieses Faktums letztlich ihre Sinnhaftigkeit zukommt, ohne Furcht zu begegnen. Der Gegenwart der Ars moriendi in der modernen Hospizarbeit widmete sich Andreas Stähli nicht nur im Rahmen seiner Promotion. Sie sollte vielmehr den Grundstein für die Erarbeitung von Bildungsangeboten liefern, die sich als Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis verstehen.

Diese Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis verkörpert der Leiter der Akademie am Johannes-Hospiz, am 30.5.1963 in München geboren, auch in der eigenen Person aufs Überzeugendste. „Zwei Naturen“ vereinige er in sich: „eine ganz stark sozial ausgerichtete“, im praktischen, den Menschen stets im Fokus behaltenden Tätigsein aufgehende Seite und ein nach theoretischer Durchdringung strebendes „unruhiges Herz“, das im Nachdenken, in der Kontemplation geistige Nahrung findet. In seiner  ungewöhnlichen Vita spiegelt sich der allem Anschein nach geglückte Versuch wider, beide Naturen – und mithin die „Liebe zur Literatur und zu den Menschen“ – im sinnvollen Tun zu vereinen.

Schon sein ihn quer durch die Republik führender akademischer Werdegang, der mit einem Studium generale in Berlin begann, in München mit der Fächerkombination Philosophie, Theologie und Logik fortgesetzt und mit einem Magister in Philosophie abgeschlossen wurde, um 2006 in Form eines Promotionsstudiengangs in Münster wieder aufgenommen zu werden, weist auf einen überdurchschnittlich ausgeprägten Erkenntnisdrang hin, der über eine anvisierte Berufsqualifizierung weit hinausgeht. Der bis heute andauernde Kontakt zur Universität sei ihm für die eigene Identität sehr wichtig, so Andreas Stähli (…). Um die Möglichkeiten der eigenen Existenz erschöpfend auszuloten, reichte die akademische Sphäre allein jedoch nicht hin. Nach dem Studienabschluss entschied sich der frisch Magistrierte, 1996 eine Pflegeausbildung zu machen und war anschließend mehrere Jahre in der Palliativpflege in München tätig. Als Sohn eines Oberarztes habe er bereits im Kindesalter das „Krankenhaus als guten Ort erfahren“, zudem habe ihm seine Mutter die Welt der Märchen und inneren Bilder nahe gebracht, beides ein großer Schatz im Hinblick auf  sein soziales Tun.

2005 verließ er Süddeutschland, um eine Pflegestelle am Johannes-Hospiz in Münster anzutreten. Bereits seit seiner Ankunft in der Stadt des Westfälischen Friedens begann der Gedanke in ihm Gestalt anzunehmen, ein Bildungsangebot rund um die Hospizarbeit zu entwickeln, eine Intuition zur heutigen Akademie. Der Basiskurs Palliative Care für Pflegende, von Andreas Stähli geleitet, sollte das Fundament bilden. Die Pionierarbeit auf dem damals betretenen Neuland umfasste zudem den Aufbau einer Fachbibliothek, eines Referentenstamms sowie eines Partner-Netzwerks, das für die Durchführung größerer Veranstaltungen unabdingbar ist. Neben der Organisation von Veranstaltungen, Betreuung von Referenten und der Vortragstätigkeit ist Andreas Stähli, Mitglied in der Deutschen sowie der Europäischen Gesellschaft für Palliativmedizin sowie zweier internationaler Hospiz- und Palliativverbände, für die redaktionelle Leitung des Hospiz-Magazins „Kairos“ verantwortlich. Seine Arbeit an der Schnittstelle zwischen der täglich gelebten Hospizpraxis und palliativ-theoretischer Bildung begreift er dabei auch als gesellschaftlichen Auftrag. So richten sich viele der Fortbildungsangebote nicht nur an Pflegefachkräfte, sondern auch an die interessierte Öffentlichkeit. Schließlich seien wir ja alle vom Faktum Tod betroffen – auch wenn wir dieses Faktum gern aus unserem oftmals hedonistisch dominierten und von Jugendkultbildern überwölbten Alltag verdrängen. „Ich würde mich freuen, wenn es gelänge, mit dem Expertenwissen zum Thema Sterben und Tod im Bildungsfeld der Stadt anzukommen“, formuliert der Leiter vor dem Hintergrund des vielfältigen münsterischen Bildungsangebots ein angestrebtes Ziel im Hinblick auf die Wahrnehmung der Akademie in der Stadtgesellschaft.

Obgleich als Einrichtung in christlicher Trägerschaft gegründet und somit christlicher Ethik verpflichtet, bietet das Johannes-Hospiz Menschen unterschiedlicher religiöser und kultureller Prägung in ihrer letzten Lebensphase einen geschützten und zugleich dem Leben zugewandten Raum. Die sich aus den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen ergebende kulturelle Diversität in der Hospizpraxis findet auch eine Entsprechung in der diese begleitenden Bildungsarbeit. Mit den Themen Spiritual Care, Transkulturalität und Entwicklung internationaler Kontakte benennt Andreas Stähli die Schwerpunkte der kommenden Jahre. Für ihn selbst, der nach eigener Aussage „religionsplural auf der Suche“ ist und kürzlich eine neunmonatige Weltreise unternommen hat, um „Gott in allen Tempeln der Welt zu verehren“, stellt das auf Cicely Saunders, eine Pionierin der Hospizbewegung, zurückgehende Konzept eine Auseinandersetzung mit der humanitären Idee dar, über Schmerztherapie und Symptomkontrolle unheilbar Kranken ein Sterben in Würde zu ermöglichen. Inwieweit das global angelegte Konzept auch seine dynamische Seite, das heißt „die Fähigkeit kulturell zu amalgamieren“, unter Beweis stellt, konnte er etwa während des Besuchs einer Einrichtung in Indien in Augenschein nehmen. (…)

 

(von Johanna Macher, erschienen 2014 in dem Band „Profile aus der Stadt Münster, Band 3; leicht gekürzte Fassung)